Es wirkt wie ein Rätsel: Ein Land voller Schulen und Bibliotheken, und trotzdem kann kaum jemand die Handschrift der eigenen Urgroßeltern lesen. Die Erklärung ist kein schleichender Bildungsverlust, sondern ein Verwaltungsakt mit Datum. Im Januar 1941 wurde per Erlass beendet, was ein halbes Jahrtausend deutsche Schriftkultur war.
Zwei Schriftfamilien, eine Sprache
Seit dem Spätmittelalter existierten in Europa zwei große Schriftwelten nebeneinander. Im deutschen Sprachraum setzten sich die gebrochenen Schriften durch: Im Druck war das vor allem die Fraktur, die sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts entwickelte und über vierhundert Jahre lang das Bild deutscher Bücher, Zeitungen und Amtsblätter prägte. Geschrieben wurde ihre Schwester: die deutsche Kurrentschrift, spitz, eckig und mit Schwung, gelehrt in Schulen und gepflegt in den Kanzleien, denen die ältere Kanzleischrift ihren Namen gab.
Daneben stand die lateinische Schriftwelt: die runde Antiqua im Druck und die lateinische Schreibschrift von Hand. Der Umgang damit folgte einer festen Konvention, die für heutige Leser überraschend ist: Deutscher Text wurde deutsch geschrieben, Fremdwörter, lateinische Begriffe und häufig auch Eigennamen dagegen lateinisch. Beide Schriften wechseln sich deshalb mitten im Satz ab, in Kirchenbüchern ebenso wie in Gerichtsakten. Wer historische Seiten liest, liest praktisch immer zwei Alphabete gleichzeitig.
Der Streit um die richtige Schrift
Um 1900 wurde daraus eine Grundsatzfrage. Befürworter der Antiqua verwiesen auf den internationalen Austausch und die einfachere Lesbarkeit, Verteidiger der Fraktur sahen in ihr die eigentliche deutsche Schrift. Der Streit wurde leidenschaftlich geführt, bis in den Reichstag: 1911 wurde dort ein Vorstoß, die Antiqua zur allgemeinen Schrift zu machen, nach lebhafter Debatte abgelehnt. Es blieb beim Nebeneinander, und Schulkinder lernten weiterhin beide Schriftwelten.
Sütterlin: die junge Schwester der Kurrent
Im selben Jahr 1911 erhielt der Grafiker Ludwig Sütterlin vom preußischen Kultusministerium den Auftrag, eine einfache Ausgangsschrift für den Schulunterricht zu entwerfen. Seine Fassung der Kurrent stellte die Buchstaben senkrecht, führte gleichmäßige Strichstärken ein und machte die Formen runder und kindgerechter. Ab 1915 wurde sie an preußischen Schulen eingeführt, in den 1920er Jahren übernahmen die meisten deutschen Länder sie in ähnlicher Form.
Daraus erklärt sich ein verbreitetes Missverständnis: Sütterlin ist nicht die alte deutsche Schrift, sondern ihre letzte und jüngste Schulform. Ein Brief von 1870 ist keine Sütterlinschrift, sondern Kurrent. Wirklich in Sütterlin schrieb im Wesentlichen die Generation, die zwischen etwa 1915 und 1941 eingeschult wurde.
Januar 1941: das Ende per Erlass
Die nationalsozialistische Führung hatte die gebrochenen Schriften zunächst als besonders deutsch gefeiert. Im Januar 1941 folgte die Kehrtwende: Ein Erlass erklärte die gebrochenen Druckschriften unerwünscht, und wenig später wurde auch der Schulunterricht umgestellt. An die Stelle von Fraktur im Druck und Kurrent und Sütterlin im Heft trat die lateinische Normalschrift. Die vorgeschobene Begründung des Erlasses war historisch haltlos, die Wirkung dagegen endgültig: Nach dem Krieg kehrte die deutsche Schreibschrift nicht mehr in die Klassenzimmer zurück, sieht man von kurzen Übergangsangeboten ab.
Ein halbes Jahrtausend wird fremd
Die Folge lässt sich in jeder Familie und jedem Archiv besichtigen. Wer nach 1941 eingeschult wurde, lernte die Schrift der eigenen Eltern nicht mehr. Innerhalb einer einzigen Generation wurden Briefe, Tagebücher, Kirchenbücher, Grundbücher, Protokolle und Karteien zu Dokumenten, die nur noch Fachleute entziffern. Der Bestand ist gewaltig: Praktisch alles, was im deutschen Sprachraum vor 1941 von Hand geschrieben wurde, steht in einer Schrift, die heute fast niemand mehr liest.
Für Archive und Verwaltungen bedeutet das eine doppelte Aufgabe. Die Bestände sind nicht nur alt und empfindlich, sie sind für die eigene Gegenwart unlesbar geworden. Erschließung heißt hier deshalb immer beides: digitalisieren und übersetzen, von der Kurrent in unsere Schrift.
Fazit
Die Unlesbarkeit alter Handschriften ist kein Naturgesetz, sondern die späte Folge einer Entscheidung von 1941. Was damals in einer Generation verloren ging, lässt sich heute maschinell zurückholen: KI-Verfahren lesen Kurrent, Sütterlin und Fraktur und machen die Bestände wieder zugänglich, für Fachstellen ebenso wie für Enkel mit einem Karton voller Briefe. Einen Einstieg bietet der Handschrift-Bereich von German-OCR.
